curriculum vitae – Lebenslauf oder Rollenbesetzung

In über 18 Jahren als Personalvermittler habe ich viele Lebensläufe gelesen, wirklich sehr viele. Im Laufe der letzten Jahren fand – fast unmerklich – eine Verschiebung des Fokus‘ sowohl in den Ausschreibungen der Unternehmen als auch – darauf reagierend – bei den Bewerbern von „Stationen im beruflichen Werdegang“ zu „Funktionen in beruflichen Umfeldern“ statt. Insofern ist der Wechsel von „Positionsbeschreibungen“ zu „Rollenbeschreibungen“ treffender als man sich eingestehen möchte.

Zugespitzt könnte man sagen, dass Stellen in einem Unternehmen zunehmend „gecastet“ werden wie für einen Film, statt sie mit der fachlich und persönlich am besten für die Aufgabe geeigneten Menschen zu besetzen.

Es ist anstrengend und unbefriedigend, eine Rolle zu übernehmen und sein Mensch-Sein im Hintergrund halten zu müssen – zumindest für diejenigen mit persönlicher Substanz und menschlicher Integrität. Wer zu allem Ja sagt, was im Management beschlossen wird oder was gerade angesagt ist, eignet sich definitiv besser für Rollen.

Du hast gerade Resonanz gespürt? Dann schreibe Deinen Lebenslauf als Mensch – nicht als Person, die sich für eine berufliche Rolle bewirbt.

Wie bist Du zu dem geworden, der Du heute bist? Wer hat Dich beeinflusst – im Guten wie im Schlechten. Hattest Du Vorbilder – wen und warum? Hast Du heute noch Vorbilder? Was hat Dich dahin gebracht, wo Du jetzt stehst? Gab es „Weggabelungen“ in Deinem Leben – und warum bist Du nicht den anderen Weg gegangen? In welchen Rollen fühlst Du Dich wohl, weil sie Deinem Naturell entsprechen, welche musstest Du übernehmen und welche hast Du zu welchem Preis übernommen? Für welche Werte stehst Du? (Wenn Du mehr über Dich wissen willst: Für welche Werte stehst Du im Zweifelsfall mit Deinem Leben ein?) Wie siehst Du Dich als Mensch? Willst Du weiter Rollen spielen?

Geh in die Selbsterforschung – oder wie es auf dem Apollo-Tempel in Delphi zu lesen war: Γνῶθι σεαυτόν – Erkenne dich selbst!

Ein totes Pferd reiten

Eine Weisheit der Dakota-Indianer sagt:

Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.

Doch wie so oft im Leben fällt uns schon die Wahrnehmung, geschweige denn die Anerkennung einer bitteren Realität schwer und wir versuchen andere Strategien:

  • Man besorgt eine stärkere Peitsche.
  • Man wechselt den Reiter.
  • Man gründet einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
  • Man besucht andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
  • Man erhöht die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
  • Man bildet eine Task Force, um das Pferd wiederzubeleben.
  • Man schiebt eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
  • Man ändert die Kriterien, die besagen, wann ein Pferd tot ist.
  • Man schirrt mehrere tote Pferde zusammen, damit sie schneller werden.
  • Man macht zusätzliche Mittel locker, um die Leistung toter Pferde zu erhöhen.
  • Man kauft etwas zu, dass tote Pferde schneller laufen lässt.
  • Man erklärt, dass unser Pferd besser, schneller und billiger tot sei.
  • Man bildet einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung für tote Pferde zu finden.
  • Man überarbeitet die Leistungsbedingungen für tote Pferde.
  • Man richtet eine Kostenstelle für tote Pferde ein.

Kein weiter-so

In einem Punkt waren sich alle antiken Denker einig: Muße ist die Grundvoraussetzung um zu philosophieren.

Im Lateinischen ist Muße OTIUM – Ruhe, Freizeit. NEG-OTIUM, das Gegenteil der Muße, ist die (Berufs-)Tätigkeit, Arbeit, Beschäftigung, die Mühe und Unannehmlichkeit – kurz: das Müssen.

Die meisten Menschen sind heute permanent beschäftigt, sie kommunizieren, funktionieren, arbeiten Termine und to-do-Listen ab. Ein Leben im Laufschritt…

… in einer Welt, die gerade in Echtzeit vor unseren Augen zerfällt. Nicht nur über Jahrzehnte etablierte Karrierewege, gewohnte Lebensweisen und ganze Lebensentwürfe führen plötzlich in eine Sackgasse.

Völlig neue Faktoren wie Kryptowährungen, aktuell KI und demnächst Quantencomputer mischen die Karten im Spiel neu und werden unser Leben grundlegend ändern. Parallel dazu wird das gewohnte System zunehmend instabiler: Das globalisierte Wirtschaftssystem ordnet sich neu, das Finanzsystem liegt todkrank auf der Intensivstation, neuartige Waffensysteme können den Geist angreifen oder manipulieren und unser Heimatplanet reagiert auf die immer stärkeren kosmischen Einflüsse.

Es sind zu viele Faktoren und Variablen geworden, die eine Verlängerung des bisher-Gewesenen in die Zukunft sinnlos machen. Dennoch wird weiter mit Theorien, Modellen und Weltanschauungen gearbeitet, die jetzt schon nicht mehr funktionieren, während der öffentliche Raum von Turbo-Gerede aus der Phrasen-Dresch-Maschine und bombastischerer und immer künstlicherer Ablenkung erfüllt ist – eine Parallelwelt, die mit der Wirklichkeit auf Kollisionskurs ist.

Statt geschäftig nach einem (neuen) Platz in einer nicht-mehr-funktionierenden und meist auch nicht zukunftsfähigen Welt zu suchen, ist es jetzt Zeit erst einmal inne-zu-halten und in die Stille zu kommen.

  • Durchatmen, tief durchatmen in der Natur
  • Erden, mit nackten Füssen die Erde wieder spüren
  • Loslassen und entspannen, die eigenen Energien spüren und wieder ihre natürliche Bahn finden lassen
  • Ankommen – im Hier und Jetzt, in der Natur, bei sich selbst
  • wieder in Kontakt mit sich selbst, seiner eigenen inneren Stimme kommen und zuhören
  • Technik abstellen, wenigstens für ein paar Stunden, einen ganzen Tag oder besser noch länger, für mehrere Tage
  • die eigenen Verhaltensmuster ansehen – die Aktions- als auch die Reaktionsmuster
  • Denkmuster und Vorstellungsmodelle einem Wirklichkeitstest unterziehen

Für eine Standortbestimmung muss man erst einmal stehen bleiben, inne halten und zur Ruhe kommen. Dann erst kann man sich umsehen und frei und klar aus einer höheren Perspektive selbst verorten. Wo lebe ich, wo werde ich gelebt? Was ist mir wichtig, wofür will ich meine Energie einsetzen?

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